Zur Einweihung des Treideldenkmals in Dormagen-Stürzelberg, am 1. Mai 2001 wurde eine Broschüre von Herrn Jakob Justenhoven erstellt, deren Inhalt ich hier mit seiner ausdrücklichen Erlaubnis veröffentlichen darf.
Herzlichen Dank!
(Text Heinz Eul)
Noch heute ist vom Silbersee an stromaufwärts entlang der Kaimauer des Rheinumschlagplatzes sowie am Fuße der Stürzelberger Uferstraße, Unterstraße, Kapellenberg und Oberstraße deutlich der Leinpfad zu erkennen. In unserer Mundart wird er ?Lingepad? genannt. Bei leichtem Hochwasser erkennt man den Verlauf des alten Rheinbetts am Leinpfad unterhalb der Unterstraße, des Kapellenbergs und der Oberstraße und der sogenannten Vorfälle (Weiden, zu denen z.B. der Schießstand gehört) bis zur asphaltierten Straße zum Grind.
Bis Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts konnten die Schiffe noch an der Mauer des Kapellenbergs anlegen. Hier wurde z.B. Getreide der Gillbacher Bauern verladen, wobei der ehemalige Gasthof ?Zum Schwan? als sogenannte Fruchtbörse diente.
Nur ältere Einwohner wissen aus mündlicher Überlieferung um die Bedeutung des uralten Leinpfades, auf dem seit dem Mittelalter durch menschliche oder tierische Kraft Schiffe an Leinen den Rhein hinauf getreidelt, also gezogen wurden. Urkundlich ist der Leinpfad in Köln bereits 1180 bezeugt.
Der Leinpfad führte um 1800 gegenüber Düsseldorf am linken Rheinufer vorbei. Bedingt durch die kleinen Inseln vor Neuss wurde für eine kleine Strecke auf die rechte Rheinseite gewechselt. Von Grimlinghausen an Stürzelberg vorbei bis zur Piwipp bei Dormagen-Rheinfeld wurden die Schiffe wieder linksrheinisch getreidelt. Dort wichen die Schiffe wegen des seichten Ufers auf die rechte Seite nach Monhein aus. Gegenüber von Hitdorf verlief der Leinpfad dann ungehindert bis Köln auf der linken Rheinseite.
Über rheinische Schiffe des Mittelalters ist nur wenig bekannt. Holzschnitte, Kupferstiche, Graphiken und Stahlstiche mit Abbildungen von Rheinschiffen gibt es erst ab Ende des 15. Jahrhunderts. Bekannt ist jedoch, dass bereits vor Beginn der Neuzeit (ab 1500) eine beachtenswerte Kölner Schifffahrt zu verzeichnen ist. Städte und selbst Klöster besaßen eigene Schiffe.
Bis zur Verwendung von Dampfmaschinen im Rheinschiffsbau ab 1830 war das Segel die einzige mechanische Antriebskraft. Man unterschied die Segeltransporter in Niederländer- und Oberländer Schiffe. Für die Fahrt von der Mündung des Rheins bis nach Köln und umgekehrt durften nur holländische und niederrheinische Frachtschiffe fahren. Hier sind besonders die Aaktypen (Kölner Aak), die Amsterdamer Kaag oder die Tjalken zu erwähnen. Da diese wegen ihres Tiefganges für das flache und felsige Bett des Mittelrheins ungeeignet waren, wurde in Köln die Fracht für den Weitertransport bis Mainz auf kiellose Oberländer Wasserfahrzeuge umgeladen. Zuvor mussten die Waren jedoch drei Tage lang der Kölner Bürgerschaft (also keinem Nichtkölner) bei entsprechender Lagerung zum Kauf angeboten werden. Die Stadt besaß wie Mainz seit dem Mittelalter ein sogenanntes Stapelrecht. Es wurde bis in die 1820er Jahre zum Segen der Bürger und Kaufleute strikt eingehalten.

Bei der Bergfahrt wurden die Transportschiffe mit am Mast befestigten Schleppleinen durch Pferdekraft getreidelt. Die Leine lief über einen Block, dem sogenannten Hundskopf. Die Zugkraft wurde durch ein Tau auf ein Treidelpoller (Klotz zum Festmachen der Schiffstaue) übertragen. Auf diese Weise konnte das Schiff vom Ufer aus gezogen werden. Dazu waren 8 bis 14 Pferde nötig.
Von Amsterdam, dem wichtigsten Handeslplatz der Welt im 17. Jahrhundert, fuhren bis Anfang des 19. Jahrhunderts die breiten Beurtschiffe (Samoreusen) bis Köln. Diese Schiffe wurden von 20 bis 30 Pferden gezogen. Eine solche Fahrt dauerte je nach Windstärke zwei bis sechs Wochen.
Für das Treideln wurden vielfach schwere, ausdauernde Kaltblüter der Bauern der Rheindörfer eingesetzt, die hiermit einen guten Nebenverdienst zur Landwirtschaft hatten. So gab es auch in Stürzelberg Pferdebauern, die vom Schiffer als sogenannte Halfen gedungen wurden. Oft führten auch die Knechte der Bauern als ?Pädsdriever? (Pferdetreiber) die Gespanne für einen bestimmten Uferabschnitt. Von dem mit dem Schiffer vereinbarten Lohn mussten sie die Kosten für Essen und Herberge für sich sowie für Hafer und Stallgeld der Pferde bestreiten.
Unterkünfte für die Pferdebetreiber, Lotsen und Leinenträger gab es auch in unserem Dorf. Gelegentlich kaufte der Schiffer Lebensmittel für seine Familie, die mit ihm auf dem Wasserfahrzeug wohnte, im Ort ein. Das geschah vor allem dann, wenn das Schiff bei einbrechender Dunkelheit vor Anker gehen musste, weil nicht mehr getreidelt wurde.
Stürzelberg ist als Anlege- und Umschlagplatz für Anfang des 19. Jahrhunderts mündlich überliefert. Ein Kölner Rheinschiffer namens Reucher von der Kupfergasse legte mit seinem Kahn regelmäßig in Stürzelberg an.

Im Jahre 1849 fuhren noch 1.686 hölzerne Schiffe auf dem Rhein, wobei das kleinste über 900 Zentner Ladefähigkeit hatte. Um diese Zeit kostete ein Treidelpferd für eine Fahrt von Holland nach Neuss 16 Taler Ziehlohn. Lotsen, Leineträger und Buchnachenfahrer* bekamen zusammen etwas mehr als 9 Taler. Auf dem Neusser Leinpfad zogen noch 1861 Schiffsbesatzungen eigenhändig ihre Schiffe und brachten sie vor Hochwasser und Eis in den sicheren Hafen.
Mit dem fortschreitenden Einsatz von Schleppdampfschiffen auf dem Rhein ging die Ära der Treidelschifffahrt in den 1850er Jahren zu Ende. Die Jahrhunderte alte Tradition der Rheinschiffer und Treidler sollte durch das Stürzelberger Treidelschifffahrts-Denkmal aber nicht in Vergessenheit geraten.
*In dem Namen Buchnachen steckt das Wort ?buchsiren? (nach einem rheinischen Wörterbuch von 1830), heute bugsieren: ein Schiff mit dem Nachen ins Schlepptau nehmen, um es in den Hafen oder an Land zu ziehen.